4. Februar 2015

Melodiös und krächzend – Jazz-Ensemble vertont Todsünden

Von Lukas Böhnlein
zuvor veröffentlichticht bei Blickpunkt Uni Osnabrück

 

Am 22. Januar im „Blue Note“: Jazzkonzert – oder doch Kammermusik? – oder Lesung? Eine große Jazzcombo mit Sängerin, erweitert durch ein Streichquartett und einen Sprecher, gestalteten einen unterhaltsamen, aber auch zum Nachdenken anregenden Abend. Das „Symphonicum Schmitz“ wird geleitet vom Saxophonisten der Jazzkantine, Heiner Schmitz, der auch die Musik für das Programm dieses Abends komponiert hat, das den Titel „Sins & Blessings“ trägt. Der Text dazu stammt von Peter Schanz und thematisiert die sieben Todsünden der katholischen Theologie. Im katholischen Katechismus werden sie allerdings nicht als Todsünden, sondern als Hauptsünden bezeichnet, weil weitere Sünden aus ihnen resultieren.

Melodiöse und monotone Passagen wechseln sich ab. Dann schrille und laute Klänge von Trompete und Saxophon – oder tiefe Töne der Bassklarinette. Teilweise erzeugen die Instrumente eher lärmende Geräusche als wohlklingende Musik. Allen voran der Kontrabass: er kann wie eine knarrende Tür in einem Hörspiel klingen. Aber immer wieder schafft es das Ensemble, vom chaotischen schrägen Durcheinander in ein harmonisch und rhythmisch passendes Zusammenspiel zurückzufinden.

Schauspieler und Sprecher Franz Dinda stellt dem Publikum zwischendurch immer wieder Fragen. Zum Teil unangenehme Fragen, teilweise im Stil von Fragebögen: „Ist es gut , wenn man stolz ist, Deutscher zu sein? – oder Türke? – oder Europäer? – oder Atheist?“
Die klassische Besetzung aus Geigen, Bratsche und Cello spielt stimmig mit der Jazzband zusammen. Auf dem ruhigen Spiel der Streichinstrumente baut sich rasant ein gewitterartiger Lärm aus Trommeln und Blasinstrumenten auf – und ist wieder weg, um sich beim zweiten Mal langsamer zu steigern.

„Bei unserem gestrigen Auftritt gab es kein Essen!“ Franz Dinda spricht über die Völlerei und über Diäten. „Ist, wer Völlerei überwindet, nicht der Magersucht schon einen Schritt näher?“ Er hinterfragt während des gesamten Programms immer wieder ironisch die sieben Todsünden und findet an ihnen auch positive Aspekte. Und er fragt, warum andere Dinge, wie beispielsweise Massentierhaltung, keine Todsünde sind.

Um den Zorn zu illustrieren, gibt Sängerin Simin Tander hysterisch grunzende, röchelnde Laute von sich. Stöhnend. Dazu klimpert belanglos das Vibraphon.
„Warum macht die Kirche nicht mit dem Orgasmus Reklame fürs Jenseits?“ Das ist eine der letzten Fragen an diesem Abend. Und der Höhepunkt wird akustisch hörbar, in einem Auf und Ab – laut und leise – verdichten und loslassen – schnell und langsam – und schneller – alle auf einmal – und lauter – und schneller – hoch – tief – schnell – aus!

Geschickt leitet Heiner Schmitz nach diesem Ende – nach dem nichts mehr kommen dürfte – zur Zugabe über.

Ein gelungener Abend –  nicht aber, um abzuschalten.

25. Juni 2014

In eigener Sache: "KassettenSymphonie" Musikinstallation bei der Marburger Nacht der Kunst

Von Lukas Böhnlein
ursprünglich veröffentlicht im persönlichen Blog
 
[ọ▫ọ] [ọ▫ọ] [ọ▫ọ] Nein, Bandsalat ist kein neuer Ernährungstrend – Aber Surround Sound auf alten Kassetten? Einfach Retromotion! [ọ▫ọ] [ọ▫ọ] [ọ▫ọ]

Am kommenden Freitag ist in Marburg die Nacht der Kunst. Von 18 bis 24 Uhr können Museen und eine Vielzahl an Veranstaltungen besucht werden - kostenlos.

Mein Beitrag zu dieser Nacht ist die Musikinstallation zur Tanzperformance "Kassetten[ọ▫ọ]Symphonie" der Gruppe ad Infinitum. Die Performance gibt es ab 20:30 Uhr halbstündlich in der Alten Mensa (Reitgasse 11) zu sehen (und hören). Mit mehreren alten Kassettenplayern wird eine Art Surround-Sound entstehen, mit einem Sound, bei dem Flugzeuglärm ebenso platz findet wie Harfenklänge....

Für mich wird diese Veranstaltung auch eine Verabschiedung von Marburg, da ich seit kurzem nun in Osnabrück wohne.


Vollständiges Programm der Nacht der Kunst



11. November 2011

Weltrekord: EMI hat 1,3 Millionen Alben mit jeweils nur einem Song

Von Lukas Böhnlein
ursprünglich veröffentlicht im persönlichen Blog

Verschiedene Online-Ausgaben großer Zeitungen berichten unterschiedlich über den Verkauf des EMI Tonträgergeschäftes und des EMI Musikverlages. Teilweise enthalten die Nachrichten Widersprüche in sich. Wie es wirklich war bleibt dabei unklar.

Laut dem Focus wurde die EMI-Tonträgersparte von der Citigroup an Universal verkauft. Universal gehört zum Vivendi Konzern. Der kaufpreis: 1,2 Mrd. Pfund bzw. 1,4 Mrd. Dollar. Der Musikverlag mit 1,3 Millionen Songs geht an Sony.

Bei der Financial Times Deutschland beträgt der Kaufpreis für die Tonträgersparte 1,9 Mrd. US-Dollar. Hier ist die Rede von 1,3 Millionen Alben (nicht Songs).

Das Handelsblatt schreibt von 1,4 Mrd. Euro (also ca 1,9 Mrd. Dollar) für die Tonträgersparte. Beim Preis für den Musikverlag wird die Währung gewechselt, hier sind es 2,2 Mrd. Dollar. Für die Leser wären Zusammenhänge sicherlich nicht schwieriger zu verstehen, wenn einheitliche Währungen angegeben wären.

In der FAZ ist der Kaufpreis für den Tonträger Zweig von EMI ebenfalls 1,9 Mrd. Dollar. Hier wird allerdings im Titel behauptet, auch der EMI Musikverlag gehe an Universal (nicht an Sony, wie es in den anderen Medien heißt), für knapp 2 Mrd. Dollar. Hier handelt es sich wohl um eine Verwechslung von Tonträgergeschäft und Musikverlag, denn knapp 2 Mrd. Dollar ist ja etwa das gleiche wie 1,9 Mrd. Dollar.

Musikindustrie: Universal kauft EMI-Tonträgersparte - Der Musikkonzern Universal übernimmt den Musikverlag des Konkurrenten EMI für fast 2 Milliarden Dollar.
faz.net am 11.11.2011


Am wenigsten Mühe hat sich die Neue Züricher Zeitung gemacht: Im Artikel "Musikgeschäft von EMI für 1,2 Milliarden Pfund verkauft" wird das EMI-Tonträgergeschäft von Vivendi an Universal verkauft, wobei Universal zur Vivendi-Gruppe gehört. Weiter unten steht aber trotzdem, dass EMI bisher zur Citigroup gehörte. Kann ich mir den Lamborghini meines Nachbars auch selbst verkaufen? Der EMI Musikverlag "mit Rechten an 1,3 Millionen Songs" geht an Sony.
Für was die 1,2 Mrd. Pfund aus der Überschrift bezahlt werden wird nicht erwähnt. Aber anscheinend "wechselt die Plattenfirma [...] für insgesamt 2,6 Mrd. Pfund den Besitzer".


nzz.ch am 11.11.2011

Hier wurde einfach schlampig gearbeitet. Mal sind es Songs, dann wieder Alben, Zahlen und Fakten wurden falsch in Zusammenhang gebracht. Wie wärs mit Korrektut lesen der Artike?

Nachtrag (14.11.11):
Die FAZ hat inzwischen ihren Artikel verbessert und die Überschrift geändert. Dort heißt es nun:"EMI wird zerschlagen". Ich hatte zu dem Artikel einen Kommentar geschrieben, in dem ich auf die Fehler aufmerksam gemacht hatte. Der Kommentar wurde nicht freigeschaltet. Die Änderung des Artikels wird nicht kenntlich gemacht.


Verbesserter FAZ-Artikel über den Verkauf von EMI

Unter dem Artikel befindet sich ein Link auf eine Seite zur Verwertung von Urheberrechten der FAZ. Dort fand ich folgendes interessantes Zitat:
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gilt als eine der besten Zeitungen der Welt. Auch die übrigen Publikationen aus dem Hause Frankfurter Allgemeine Zeitung lösen ihr hohes Qualitätsversprechen ein. Sie stehen für besonders gründliche Recherche, ausgewogene und fundierte Berichterstattung sowie seriöse und stets verlässliche Information. Sie fungieren als zentrales Leit- und Orientierungsmedium.



10. November 2011

"Save the Polycarbonate"? - Über die Zukunft der CD

Von Lukas Böhnlein
ursprünglich veröffentlicht im persönlichen Blog

Soeben las ich auf Gulli, dass es angeblich Pläne der großen Plattenfirmen geben solle, die Audio CD bis Ende 2012 abzuschaffen. Der Gulli Artikel bezieht sich wiederum auf einen Eintrag auf Side-Line. Bestätigte Informationen von den Majorlabels selbst gibt es bisher nicht.

Angesichts der immensen Vorteile des nicht physischen Musikvertriebs gehe ich davon aus, dass dieser in Zukunft alle Physischen Tonträger in ein Nischendasein für Sammler und Liebhaber drängen wird. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass die Schallplatte die CD überleben wird. Denn als Sammlerstück macht eine Vinylplatte einfach mehr her. Dagegen ist die CD eigentlich relativ unpraktisch: Sie muss jedesmal gewechselt werden, wenn man eine neue CD hören möchte; Sie ist fehleranfällig und begrenzt haltbar; Das Format und damit die Speicherkapazität ist festgelegt (Bei einem Download kann ich im Idealfall entscheiden ob ich z.B. eine kleine Wegwerf-MP3 oder eine FLAC-Datei haben möchte); Die CD ist zudem sehr unpraktisch, wenn man unterwegs ist.

Dass es aber ab 2013 überhaupt keine CDs mehr geben soll zumindest nicht von den vier Majors halte ich für unwahrscheinlich. Zwar sind kostenpflichtige Downloads im Vormarsch, machen aber laut einem Artikel in der Zeit bisher nur ein drittel des Weltweiten Umsatzes aus. In Deutschland sind es nur etwas mehr als zehn Prozent.


CDs werden aus Polycarbonat hergestellt Foto: © Maria Lanznaster  / pixelio.de


Eine wichtige Voraussetzung für die Abschaffung der CD wäre für mich, dass es bei den führenden digitalen Musikvertrieben eine bessere Auswahl an Formaten gibt. Denn archivieren von Musik ist bei verlustbehafteten Formaten nicht ohne hörbare Verschlechterung des Klanges möglich. Auch wäre es wünschenswert, dass es einen Ersatz für das Artwork einer CD gibt, beispielsweise in Form von PDF-Dateien. Es wären aber auch Videos, kleine Spiele oder ähnliches möglich.

Um die eigene CD-Sammlung fehlerfrei zu digitalisieren und somit zukunftsfähig zu machen kann ich Cuetools oder Exact Audio Copy empfehlen.

Wie seht ihr die Zukunft der CD? Kauft ihr noch welche?