6. April 2016

Kreativität durch Rituale?

Von Sybille Benedict-Rux

Schaffen Rituale Raum für Kreativität und wenn ja, welche Rituale denn? Ist es möglich, sich kreative Köpfe zum Vorbild zu nehmen und daraus Nutzen für die eigene Kreativität zu ziehen?

Cover: Mason Currey: Musenküsse
Den Lebensgewohnheiten und Ritualen auf die Spur zu kommen, die es kreativen Köpfen unterschiedlichster Bereiche wie Künstler, Wissenschaftler, Erfinder, ermöglicht hat Freiräume zur Entwicklung und Gestaltung ihrer Ideen zu gewinnen, war die Absicht des amerikanischen Autors Mason Currey. Dafür schaute er sich die Gewohnheiten prominenter Größen aus verschiedenen Jahrhunderten näher an, las Biografien und Briefe, befragte auch einige lebende Zeitgenossen zu ihren Tagesabläufen und Arbeitsgewohnheiten.

Seine Erkenntnisse über Beethoven, Kafka, Einstein, Freud und Co. veröffentlichte er zunächst in seinem Blog „Daily Routines“, bevor sie dann in Buchform verlegt wurden. „Musenküsse“ ist der Titel der deutschen Übersetzung, die in zwei Bänden bei Kein & Aber erschienen ist. Hier besprechen wir nun zunächst den ersten Band.

"Je mehr Details unseres Alltags wir der kraftsparenden Obhut von Automatismen überlassen, desto mehr unserer höheren geistigen Kräfte werden für ihren eigentlichen Zweck freigesetzt.“ William James.

So unterschiedlich die Charaktere auch sein mögen, so fallen doch einige Gemeinsamkeiten in den Lebensweisen der 88 Kreativen auf, die Currey im ersten Band der „Musenküsse“ vorstellt. Der überaus größte Teil hat sich einen recht festen Tagesablauf gegeben, der die Zeiten festlegt, zu denen sie ihren Ideen und Visionen verfolgen. Zwar arbeitet der eine besonders gut in den frühen Morgenstunden und der andere in der Stille der Nacht, es eint sie jedoch, dass sie sich zu wiederkehrenden Tageszeiten an ihre Arbeit setzen, meist täglich. Oft wird dieser Tagesablauf auch von weiteren Routinen begleitet, die die Fokussierung erleichtern sollen oder zumindest davor bewahren, viel Energie mit dem Treffen von alltäglichen Entscheidungen zu vergeuden.


Durch Bewegung zu neuen Perspektiven


Ebenfalls auffällig scheint die positive Rolle der Bewegung zu sein. Da Currey sich in diesem Band vielfach Geistesgrößen aus Zeiten anschaut, in denen es, anders als heute, nicht üblich war Sport zu treiben, finden sich viele Spaziergänger in ihren Reihen. Es wird berichtet, dass sie häufig bei ihren täglichen Gängen durch die Stadt oder die Natur zündende Einfälle hatten. Mittlerweile werden solche positiven Zusammenhänge zwischen körperlicher Bewegung und neuen Perspektiven und Ideen durch die Hirnforschung bestätigt. Es scheint, dass mit dem Körper auch der Geist in Bewegung kommt und dadurch kreativere Sichtweisen und neue Lösungen möglich werden.

Eines macht diese unterhaltsame Sammlung deutlich: auch große Schöpfungen entstehen letztlich selten in einem großen genialen Wurf, sondern meist aus der Arbeit unendlich vieler Stunden mit kleinen Bemühungen und Schritten. Damit dies geschehen kann, ist viel Selbstdisziplin und Ausdauer von Nöten. Alltagsgewohnheiten und Rituale können dabei offenbar unterstützend wirken. Wer also ein größeres Werk schaffen will und nach Möglichkeiten sucht, seinen Schaffensprozess zu unterstützen, könnte sich durch dieses Buch inspiriert fühlen, nach dem Tagesablauf und den Ritualen zu forschen, die seine Kreativität fördern und ihm einen langen Atem zu geben vermögen. Das ist der konkrete Nutzen, den Kreative aller Arten aus der Lektüre dieses Buches ziehen können.

Mason Currey: Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler.
Aus dem Amerikanischen von Anna-Christin Kramer.
Kein&Aber 2014 Hardcover,
272 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5694-7
16,00 EUR


30. November 2015

Überspannte Kreativität im neuen Steve Jobs Film

von Lukas Böhnlein und Lara Schimweg

In den Kinos läuft derzeit der Film „Steve Jobs“ von Aaron Sorkin und Walter Isaacson. Steve Jobs war ein Innovator nicht nur auf dem Computer- und Technikmarkt. Er beeinflusste auch maßgeblich das Musikbusiness und die Filmindustrie. Die Apple-Produkte stehen für ansprechendes Design. Sie werden ebenso geliebt, wie gehasst. Die Person Steve Jobs dürfte also interessant sein, vor allem auch für Kreative. Und der Film?


Michael Fassbender als Steve Jobs © Universal Pictures

Steve Jobs (gespielt von Michael Fassbender) präsentiert neue Produkte – darum geht es im Wesentlichen. Und jedes mal gibt es kurz vor der Präsentation Schwierigkeiten: Mal mit der Technik, mal mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern oder mit Chrisann Brennan, der Mutter seiner verleugneten Tochter Lisa – meistens mit allen auf einmal. Jobs wird klischeehaft als Workaholic dargestellt, dem seine Arbeit wichtiger ist als die Familie. Die Ehe mit Laurene Powell, aus der drei weitere Kinder hervorgingen, bleibt unerwähnt – das Bild des herzlosen Vaters würde wohl brüchig werden. Später nähern sich Jobs und seine erste Tochter Lisa im Film aber an. Ihr tragbarer Kassettenplayer inspiriert Steve Jobs den iPod zu entwerfen. Diese Darstellung wirkt etwas platt, wie viele andere Szenen.
Die Produktpräsentationen werden im Film zum Schaufenster, durch das wir in Jobs Leben blicken sollen. In Wirklichkeit haben all diese Ereignisse natürlich nicht immer kurz vor der Vorstellung neuer Produkte stattgefunden – wenn überhaupt. Der Film geht sehr kreativ mit Jobs Biografie um, so dass man sich durchaus fragen kann, warum es sich lohnt den Film anzuschauen. Kann man als Kreativer etwas aus dem Film mitnehmen?

Steve Jobs (Fassbender) und Steve Wozniak (Rogen)
© Universal Pictures
Vielleicht aus dieser Szene, in der Steve Wozniak (Seth Rogen) seinem Namensvetter Steve Jobs vorwirft, dass er eigentlich keinerlei Kompetenzen besäße:
„You can't write code... you're not an engineer... you're not a designer... you can't put a hammer to a nail. I built the circuit board. The graphical interface was stolen from Xerox Parc. Jef Raskin was the leader of the Mac team before you threw him off his own project! Someone else designed the box! So how come ten times in a day, I read Steve Jobs is a genius? What do you do?“
Steve Jobs antwortet: „I play the orchestra, and you're a good musician. You sit right there and you're the best in your row.“
Vielleicht kann man für sich daraus die Erkenntnis ziehen, dass Kreativschaffende nicht alles beherrschen müssen. Der Komponist muss die Klarinette nicht spielen können – nicht mal Notenkenntnisse sind zwingend erforderlich - und der Architekt muss nicht unbedingt mauern können, um ein Meisterwerk zu schaffen. Ob dieses Gespräch wirklich stattgefunden hat, spielt dabei keine Rolle.


Ob sich der Kinobesuch wirklich lohnt, entscheidet jeder selbst.
Wir freuen uns über Feedback und eine rege Diskussion.

Trailer


Die ersten Worte zu finden ist schwer...

von Lara Schimweg und Lukas Böhnlein

wenn ein weißes Blatt (oder das Textdokument) vor einem liegt. Dieses Problem haben nicht nur wir: in Zukunft werden wir auf dieser Seite „innivatio.net“ solche und ähnliche Probleme angehen.

Mit innivatio.net haben wir den Anspruch, interessante Themen aufzugreifen und zu kommentieren, die für kreative Menschen von Bedeutung sind. Für uns sind kreative Menschen nicht nur Künstler, sondern all diejenigen, die Neues erschaffen: Also auch Innovatoren aus den Gebieten Technik, Wirtschaft, Politik oder der Wissenschaft...





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